08
Jan
2016

T-Rex doch kein Killer? Aktuelle Forschung statt verstaubter Theorien für Grundschüler

Bevor wir zum berühmtesten aller Dinos kommen, eine Frage an euch: Sind in den Lehrbüchern an eurer Schule auch noch Bilder von den Geschmackszonen der Zunge, obwohl das seit 40 Jahren widerlegt ist? Fragt ihr euch auch, warum das nicht längst aktualisiert wurde?

Die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung müssen sich ganz langsam durch mehrere Ebenen und Filter tröpfeln: Zuerst verbreiten sich die Ergebnisse unter den Forschern des Fachbereichs selbst, dann werden sie irgendwann den Studierenden dieses Bereichs unterrichtet, Fachblogs und entsprechende Internetseiten greifen die Ergebnisse auf, später folgen dann populärwissenschaftliche Medien, noch länger dauert es, bis in allgemeinen Zeitungen und ähnlichen Medien davon zu lesen ist, viel später landen die Ergebnisse in Büchern und davon oft zuallerletzt in Schulbüchern. Bei Schulkindern kommen neue Ergebnisse also meist als allerletztes an, wenn überhaupt. Oft dauert es Jahrzehnte, so wie eben mit den Geschmackszonen.

Kinder sind für aktuelle Theorien also auf euch Lehrer angewiesen. Wenn ihr euch auf dem Laufenden haltet, profitieren eure Schülerinnen und Schüler enorm.

Es geht aber nicht nur darum, veralteten Informationen ‚auf die Schliche zu kommen‘. Ich plädiere dafür, gelegentlich sogar ganz aktuelle Forschungsdiskussionen, bei denen auch unter den Wissenschaftlern noch mehrere Theorien vertreten werden, im Unterricht einzubringen.

Wie so was aussehen kann, stelle ich euch an einem Beispiel vor: Ich habe euch ein 5-seitiges Arbeitsblatt zur Forschungsfrage, ob T-rex ein Raubtier oder ein Aasfresser war, gemacht. Dabei können die Kinder die aufgeführten Argumente den beiden Theorien zuordnen und so selbst eine Entscheidung treffen. Klickt einfach auf die Vorschau, um euch alle Seiten des Arbeitsblatts anzusehen und kostenlos herunterzuladen:

Die Bilder in dem Arbeitsblatt stehen zum Teil unter der Creative Commons Lizenz. Ihr könnt sie problemlos in der Schule verwenden, ich will hier nur schnell die Urheber nennen:

S. 3: T-rex Schädel. UrheberIn: Ballista. Lizenz: CC BY-SA 3.0
S. 4: T-rex Skelett. UrheberIn: Connie Ma. Lizenz: CC BY-SA 2.0
S. 4: T-rex Gehirn mit Riechkolben. UrheberIn: Matt Martyniuk. Lizenz: CC BY-SA 4.0
S. 5: Edmontosaurier Skelette. UrheberIn: MCDinosaurhunter. Lizenz: CC BY-SA 3.0
S. 5: Edmontosaurus Zeichnung. UrheberIn: Nobu Tamura. Lizenz: CC BY-SA 3.0

 

Anhand des T-rex Beispiels will ich euch zeigen, warum ich dafür plädiere, auch in der Grundschule schon aktuelle Forschung zu thematisieren:

Die Kinder lernen, wie Wissenschaft & Evidenz funktioniert

Wissenschaftliche Methoden stehen normalerweise nicht als eigene Themen auf dem Lehrplan (abgesehen vom Wahlfach Psychologie in der gymnasialen Oberstufe). Dabei ist Wissenschaft nicht einfach nur ein mögliches Berufsfeld. Egal welchen Beruf eure Schülerinnen und Schüler später ergreifen werden, sie werden immer wieder mit Wissenschaft in Kontakt kommen: Sei es bei der Entscheidung für oder gegen eine medizinische Therapie oder bei der Beurteilung von politischen Positionen und Weltbildern – zum Beispiel: ein Politiker sagt, der Klimawandel sei nicht durch Menschen verursacht. Wie kann ich diese Position beurteilen? Welche Evidenz gibt es dafür?

Wer Evidenz beurteilen kann, hat Werkzeuge an der Hand, solche Situationen beurteilen zu können und Entscheidungen zu treffen. Wo sonst sollte man solche Werkzeuge lernen, wenn nicht in der Schule? Zwar lernt man solche Dinge im naturwissenschaftlichen Studium, aber nicht nur Naturwissenschaftler können dieses Wissen brauchen. Eigentlich gibt es keinen besseren Zeitpunkt, um den Kindern Forschung nahezubringen, als in der Grundschule: Grundschulkinder haben oft eine Riesenfaszination für Detektive, Rätsel und Indizien. Wissenschaftler sind letztlich nichts anderes als Detektive, die mit Hilfe von Indizien versuchen, Rätsel zu lösen. Lasst uns mit Kindern über Wissenschaft reden, solange sie noch ihre grenzenlose Neugier haben und unzählige Fragen in ihnen stecken!

Mit dem Arbeitsblatt zum T-rex lernen die Kinder zum Beispiel:

  • Dass es manchmal noch keine endgültige Antwort auf eine wissenschaftliche Fragestellung gibt. Argument 7 (der abgebrochene Zahn) spricht natürlich sehr dafür, dass T-rex ein Raubtier war. Dabei handelt es sich jedoch nur um einen einzelnen Fund. Zudem gibt es auch Raubtiere, die sich teilweise von Aas ernähren (zum Beispiel Hyänen). Die Kombination aus Raubtier und Aasfresser erscheint anhand der aktuellen Evidenz am wahrscheinlichsten, aber eine eindeutige und hundert Prozent sichere Antwort gibt es bisher nicht.
  • Mit welchen Methoden eine bestimmte Wissenschaft arbeitet – in diesem Fall die Paläontologie, die vor allem mit Knochen und anderen Fossilien arbeitet und aus diesen Rückschlüsse auf das Verhalten von Tieren zieht.

Würde man den Kids einfach Infos zu T-rex Verhalten vorsetzen, würden sie nichts darüber lernen, woher diese Infos kommen und wie sie belegt sind. Dabei ist das alles nicht so einfach. Schließlich kennen wir dieses Tier eben nur von Knochen und anderen Fossilien. Verstehen die Schülerinnen und Schüler jedoch, dass man für Theorien Belege braucht, kann ihnen diese Erkenntnis zum einen in allen späteren Lebensbereichen nützen. Zum anderen beantwortet eine solche Unterrichtseinheit zumindest teilweise ihre Warum-Fragen und belohnt so Neugierde und Wissbegierde.

microscope-pixabay

Zeigen wie argumentieren funktioniert

Forschungsdiskussionen sind eine perfekte Übung, um Argumentationsverhalten und soziales Gesprächsverhalten zu üben. Damit erfüllen Unterrichtseinheiten zu Forschungsthemen sogar eine Doppelfunktion. Die Kinder können dadurch unter anderem lernen, wie man:

  • Argumente gegeneinander abwiegt. Bei unserem T-rex-Beispiel etwa ist Nummer 7 (der abgebrochene Zahn im Rücken eines Edmontosaurus) ein sehr starkes Argument, weil es ein direkter Beleg ist. Die anderen Argumente sind nur indirekte Schlussfolgerungen und Indizien.
  • Herausfindet, für welche Seite ein Argument spricht und dass es auch Argumente gibt, die für beide Seiten sprechen können. In unserem T-rex-Arbeitsblatt müssen die Schülerinnen und Schüler selbst herausfinden, welche Argumente für welche Theorie sprechen. Argument Nummer 2 (T-rex‘ kleine Arme) spricht zum Beispiel für T-rex als Raubtier. Argument Nummer 3 dagegen (der gute Geruchssinn) lässt sich für beide Theorien benutzen.

Vertrauen in Schule und Wissen stärken und aufbauen

Es lässt sich nicht vermeiden, dass Schülerinnen und Schüler sehr oft Vereinfachungen beigebracht bekommen. Wenn man das aber nicht thematisiert, indem man ihnen beispielhaft an einigen Forschungsthemen zeigt, dass komplexere Sachverhalte dahinterstehen, können sie das Vertrauen in Schule und Lehrer verlieren. Nämlich dann, wenn sie in höheren Klassenstufen das Thema wieder haben (oder sich privat dafür interessieren) und merken, dass sie zuvor eine extreme Vereinfachung vorgesetzt bekommen haben. Wenn ein Kind in der Grundschule zum Beispiel nie etwas von gefiederten Dinosauriern gehört hat und dann später moderne Bücher dazu liest, die den aktuellen Forschungsstand widerspiegeln, könnte es an der Expertise von Lehrern und Schule zweifeln.

fossil_pixabay

Und so kann das Ganze aussehen:

Wie man Forschung präsentieren kann

Was ihr bei einer Unterrichtseinheit zu aktuellen Forschungsfragen beachten solltet:

  • Ein geeignetes Thema wählen. Fragt euch dafür: können die wichtigsten Experimente & Argumente Grundschülern verständlich gemacht werden? Klar, auch hier muss man mit Vereinfachungen leben. Wichtig ist aber, immer möglichst transparent mit Vereinfachungen umzugehen.
  • Zugrundeliegende Definitionen und Theorien gut erklären. Bei T-rex wird zum Beispiel erst einmal erklärt, was überhaupt ein Aasfresser und ein Raubtier ist.

Wie so eine Unterrichtseinheit aussehen kann:

  • Argumente einzeln präsentieren (geht auch gut in Stationen) und den Theorien zuordnen lassen. Diese Variante seht ihr in dem kostenlosen Arbeitsblatt zum T-rex.
  • Argumente präsentieren und gemeinsam die Stichhaltigkeit beurteilen. Dabei kann man die Kinder auch solche Fragen diskutieren lassen: Was ist wertvoller, ein schlechtes Argument von einer ehrwürdigen Professorin, die schon Preise gewonnen hat oder ein gutes Argument von einer jungen Forscherin, die noch nichts gewonnen hat?
  • Zeigen, wie eine Theorie durch neue Ergebnisse erweitert/verfeinert wurde.
  • Besuche von wissenschaftlichen Einrichtungen als Ausflug. Manche Einrichtungen haben auch spezielle Angebote für Grundschulklassen, zum Beispiel das MPI für Plasmaphysik in München.
  • Wissenschaftler in die Klasse bringen und mit den Kindern Interviewfragen vorbereiten.

atomium-pixabay

Wo man sich Inspiration holen kann

Das Grundschullehramtsstudium beinhaltet meines Wissens leider kaum aktuelle Forschung oder die Vermittlung davon. Die Kinder sind hier also auf eure eigene Initiative angewiesen. Das Tolle: Wenn ihr euch über die aktuelle Forschung und die Hintergründe zu euren Unterrichtsthemen informiert, profitieren eure Schüler sogar, wenn gerade mal keine ‚Wissenschaftseinheit‘ daraus entsteht. Die Kinder merken nämlich, wenn ihr auf dem neuesten Stand bleibt, immer wieder neue Inspiration für Unterrichtsmaterialien findet und die Unterrichtsthemen für EUCH spannend bleiben. Zum Beispiel könnt ihr umso besser auf die typischen kreativen Kinderfragen eingehen,  je tiefer ihr im Thema drin seid.

Hier könnt ihr euch Inspiration und Informationen zu aktuellen Forschungsfragen holen:

  • Wissenschaftsblogs, zum Beispiel scienceblogs.de oder scilogs.de
  • Besucht einen Science Slam
  • Viele Museen (vor allem solche, die an Universitäten/Forschungsinstitute angegliedert sind) haben immer wieder Sonderausstellungen, in denen aktuelle Forschungsfragen erläutert werden
  • Wenn ihr euch mit einem Thema vertraut gemacht habt, schaut auch mal in die Originalpaper rein. Gute Wissenschaftsblogs und -zeitschriften verlinken auf die Paper. Ansonsten könnt ihr auch mit Google Scholar fündig werden. Wie wäre es zum Beispiel mit dem Paper zum T-rex-Zahn im Edmontosaurus-Wirbel? Dort könnt ihr auch Bilder des Wirbels finden sowie die CT-Scans.

Findet ihr auch, dass aktuelle Forschung schon in der Grundschule behandelt werden sollte? Oder seid ihr ganz dagegen? Schreibt mir eure Argumente in den Kommentaren! Ich freue mich auf eine spannende Diskussion!

 

Abgelegt unter: Arbeitsblätter

4 Kommentare

4 Antworten zu „T-Rex doch kein Killer? Aktuelle Forschung statt verstaubter Theorien für Grundschüler”

  1. Stephany sagt:

    Hallo Fabian!

    Danke für diesen tollen Artikel!
    Ich denke schon, dass aktuelle Forschung einen Platz in der Grundschule hat. Es muss nicht zu einem neuen Fach werden, aber manch Eingestaubtes könnte sicher aufgefrischt werden.
    Dieser Artikel ist schon mal sehr inspirierend 🙂

    Liebe Grüße
    Stephany

  2. Fabian Roeken sagt:

    Hallo Stephany,
    vielen Dank! Es freut mich, dass dir der Beitrag gefällt!
    Liebe Grüße,
    Fabian

  3. Julia Maaß sagt:

    Ein wunderbares Material. Sehr hübsch und ansprechend aufbereitet. Ich werde es als Einzelstunde in der Realschule einsetzen. Naturwissenschaftliches Forschen als Arbeitsweise steht bei uns ganz oben im Bildungsplan. Diese Art des Forschens haben die Schüler noch nicht kennengelernt. Und dann auch noch an einem so schönen Beispiel! Vielen, lieben Dank!!

    1. Fabian Roeken sagt:

      Hallo Julia,
      sehr gerne geschehen! Klasse, dass dir das Material gefällt. Das freut mich sehr.
      Liebe Grüße,
      Fabian

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Mit den Kommentaren möchten wir eine Diskussion rund um das Thema dieses Blogbeitrags anstoßen. Bitte beachte dabei unsere Netiquette. Hast du eine allgemeine Frage, ein technisches Anliegen oder kommst alleine gerade einfach nicht weiter? Dann sind wir 7 Tage die Woche im Support für dich da! Schreib uns einfach direkt per Mail an support@worksheetcrafter.com.